Kalligraphie

Five from Four
An exhibition of works by five calligraphic artists from four countries

Introduction: Steven Skaggs, Louisville, Übersetzung: Benno Dieter Aumann, München/Mailand

Einführung

Während Kalligraphie in Asien und im Nahen Osten das Zentrum der Künste einnimmt,steht sie in Europa und Amerika eher am Rande. Ob diese Randlage darauf zurückzuführen ist, daß die Vermengung von Wort- und Bildkunst im Westen Unbehagen hervorruft oder weil sich einige westliche Kalligraphen weigern, der historisch bestimmten Funktion der Kalligraphie zu widersagen, das Ergebnis ist immer: Heutzutage müssen sich ernsthafte Schriftkünstler manchmal fühlen, als gehörten sie einer Geheimgesellschaft an.

Ihr Untergrund-Status hat jedoch nicht ihre Kunstproduktion vereitelt. In den letzten 35 Jahren sind über 100 unabhängige Kalligraphie-Gesellschaften in Europa und den Vereinigten Staaten entstanden, die Künstler deren Werk auf der Tradition des handgeschriebenen Wortes basiert, enorm stimulierten. Seit 1980 gibt es in Nordamerika eine internationale Kalligraphie-Konferenz, die alljährlich zwischen vierhundert bis sechshundert Teilnehmer anzieht. Dieses Forum sowie die Zeitschrift Letter Arts Review informieren die Kalligraphen in erster Linie darüber, was in ihrer Welt passiert.

Doch trotz der Aktivität und der Produktion von Tausenden von Kunstwerken, verhält sich die Kunstwelt dieser Bewegung gegenüber weitgehend teilnahmslos. Nie ist ein Artikel in Art in America oder in Art Forum erschienen, der sich mit dem Werk von Schriftkünstlern befaßte. Nur wenige zeitgenössische Kalligraphen haben Werke in Kunstmuseen. Nimmt man einmal an, solche Arbeiten würden an Orten wie dem Cressman Center (Anm. oder der Pinakothek der Moderne in München o. ä.) gezeigt, wäre das fast schon ein subversiver Akt.

Betrachtet man diesen Zustand, der sich nahezu im Verborgenen befindet, sollte man eine Kurzbetrachtung zeitgenössischer Kalligraphie vornehmen, um einen Hintergrund zu schaffen, vor dem diese Werke gesehen werden müssen. Da es nur allzu leicht ist, solch eine vielfältige Kunstbewegung zu verallgemeinern, könnte es hilfreich sein, einige Wegweiser aufzustellen:

Erstens: Kalligraphen lieben die Sprache. Sie haben nicht nur eine Vorliebe für den verbalen Inhalt von Sprache, sondern sie lieben auch die Art, wie man Sprache graphisch darstellen kann. Sie verbinden zwangsläufig beide Aspekte von Sprache: die visuelle Form ebenso wie den sprachlichen Inhalt. Wenn man sich ein zeitgenössisches kalligraphisches Werk ansieht, sollte man sich die Wechselwirkung zwischen dem, was Wörter im verbalen Sinn und dem, was sie im visuellen Sinn bedeuten, bewußt machen. Die Übereinstimmung oder der Widerspruch beeinflussen in starkem Maße den emotionalen Klang des Werkes.

Schnell sagt man manchmal in der Kalligraphie “Form ist der Untergrund”. Alle Kalligraphen sind bis zu einem gewissen Punkt Formalisten. Auf einer Ebene drückt die Form die visuelle Qualität eines Zeichens aus und die Art und Weise, wie diese Qualität in einer Komposition dargestellt wird. Aber auf einer tieferen Ebene, hat der Kalligraph eine viel spezifischere Form zur Hand: das Alphabet.
Das Alphabet ist eine Form – oder genauer gesagt eine Anzahl von Formen – die das Vermächtnis vieler Generationen verkörpert. Dieses Erbe anzunehmen, bedeutet zwangsläufig, daß der Kalligraph innerhalb eines konservativen Zweigs der Kunst arbeitet und die bestehenden Ausdrucksformen dieses kulturellen Erbes anerkennt und einsetzt. Wenn der Kalligraph eine klassische Buchstabenform verwendet, kann er nicht verhindern, daß man den Bezug zu Manuskripten, zur Seite, zum Buch und schließlich der Autorität der Autorschaft mitdenkt.

Einige Kalligraphen halten sich ganz stark an diesen historischen Bezug. Dennoch sind in vielen Kalligraphien diese kulturellen Normen, wurzelnd im Alphabet und dessen Gebrauch über viele Jahrhunderte, auf verschiedene Weise zerstört, umgestoßen, zerbrochen. Das überrascht den Betrachter, weil ihm die Landschaft nicht vertraut ist, ein Prozeß, der nicht nur dazu führt ein bestimmtes Werk unverbraucht wahrzunehmen, sondern auch dazu zwingt, den Blick auf kulturelle Normen zu ändern, die, während man mit ihnen rechnet, abwesend bleiben.
Obwohl sich Kalligraphie fast immer mit dem Alphabet, Wörtern und der Sprache an sich beschäftigt, ist Kalligraphie im Grunde genommen eine Kunst des Tastsinns und der Geste. So gesehen gehört Kalligraphie weniger zur Sprache sondern mehr zum Tanz: die Choreographie der Zeile könnte als Nebeneffekt Wörter schaffen. Diese dem Tanz ähnliche Qualität ist für jede gute Kalligraphie wesentlich, egal ob sie mit Buchstaben des Alphabets arbeitet oder nicht. Der Ausdruck ihres Tanzes, die unbewußte Linie der Geste, das anmutige lebendige Zeichen (Charakter-Zeichen), das ist es, was Kalligraphie von Typographie trennt.

Obwohl der Standpunkt des Kalligraphen in Bezug auf die begriffliche Substanz, ironisch sein kann, die Arbeitsmethode an sich hält sich an ein Ethos, das aufrichtig und konsequent ist. Man vermutet, daß sich in der kalligraphischen Geste tatsächlich die Gefühle und Seelenzustände des Kalligraphen widerspiegeln. Während es also Ironie in der Beziehung zwischen der sichtbaren Form und dem verbalen Inhalt des Textes geben kann,ist die Hingabe des Kalligraphen beim Ausführen der Geste vollkommen, ernsthaft und geschieht mit ganzem Einsatz.

Schließlich ist es die grundsätzliche Fähigkeit des Völlig-eins-mit-dem-Schreiben zu sein, die allen kalligraphischen Traditionen gemeinsam ist. Wo immer der Akt des Schreibens vom Geist des Schreibers durchdrungen ist, dort ist Kalligraphie. All das wurde bereits vor Hunderten von Jahren in Asien verstanden, wo der Kalligraph und Dichter Wang Duo (1592 - 1652) während der Ming Dynastie in seiner “Ode an die Kursivschrift-Kalligraphie” schrieb:

Dringe bei deinen Untersuchungen tief ins Altertum ein,
folge den Schreibmeistern, schaffe dir Grundlagen.

In den Knochen und Adern ist der Geist:
Kümmere dich nicht um oberflächliche Schönheit
und du wirst das himmlische Geheimnis aufspüren.

Die ultimative Methode: vergiß die Methode.
Vergieß niemals einen Tropfen Schweiß, um anderen zu gefallen.

Hastig geschrieben, wieviel Zeit würdest du haben, um die Feinheiten der kursiven Kalligraphie zu schmecken?

Ein Ventil für Ärger, sie befreit von großen Sorgen.

Sie ist heraufziehender Nebel und funkelnde Sterne,
Busen der Erde, Augenbrauen des Himmels.

Achte sie in Gedanken als spirituelle Verbindung,
die nur durch die ihr innewohnenden Eigenschaften erklärt werden kann.

Großartig führt uns diese Kunst,
sie nährt die Substanz, nicht das Trugbild.

(Wang Duo, Auszug aus, Fu Shan’s World von Qianshen Bai. Harvard University
Press. Cambridge. 2003)